Johannes Meinolph Rhode (1862 - 1913)
Inhaltsverzeichnis
1 Biographische Daten
1.1 1888 bis 1898: Atelier für Tischlerarbeiten
1.2 1899 bis 1905: Beginn der eigenen Fertigung bis hin zur Möbelfabrik
1.3 1905 bis 1913: Werkschule, Weltausstellung, Niederlassungen, IBA
2 Belege
Biographische Daten
Unterseite in Arbeit
1888 bis 1913:
Vom Atelier für Tischlerarbeiten zur Möbelfabrik mit Fortbildungsschule und eigenen Verkaufsniederlassungen
Ende der 1880er Jahre trat Tischlermeister Johannes Meinolph Rhode,[36][37][38][39][40] später Obermeister und Werkführer, als erster Tischler in das Unternehmen ein.[41][42][43] Hier fand das „Atelier für Tapezier- und Tischlerarbeiten“ seinen Anfang.[44][45][46][47]
1895 trat Otto Stadler nach abgeschlossenen juristischen, volkswirtschaftlichen, kunsthistorischen und philosophischen Studien sowie der Referendarzeit als Jurist [48] in das väterliche Geschäft ein (seit 1899 mit Prokura [49]). Er hatte klare Ziele vor Augen,[50] die er, Jahrgang 1865, Jurist und Kaufmann, in enger Zusammenarbeit mit Tischlermeister Johannes Meinolph Rhode, Jahrgang 1862, umsetzte.[41][43]
1898 wurden „vollständige Musterzimmer in vielseitiger Auswahl, größtes Teppichlager“[51] sowie die eigene Polsterwerkstatt und Tischlerei beworben.[52]
Bernard Stadler zog sich Ende 1898 alters- und krankheitsbedingt von seinen Verpflichtungen im Unternehmen wie auch im Stadtverordnetenkollegium zurück.[53][54]
1899 wurden die angebotenen Möbel dann teils in der eigenen Tischlerwerkstatt angefertigt.
Spätestens 1903 erschien in der Werbung auch die Bezeichnung Möbel-Fabrik [55] mit Kraftbetrieb. Ein Sauggasmotor trieb die Holzbearbeitungsmaschinen an. An 25 Bänken bauten gelernte Tischler unter Leitung eines erfahrenen Werkmeisters die Möbel zusammen. Zudem verfügte man zu diesem Zeitpunkt bereits über eine eigene Möbellackiererei. Neben Wohnmöbeln baute man Uhren sowie in Kooperation mit dem Hause Ibach auch Klaviere und Flügel.
Zusammen mit den Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk in München, den Deutschen Werkstätten Hellerau, den Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst, der Wiener Werkstätte, den Dresdner Werkstätten für Deutschen Hausrat, den Werkstätten für Wohnungseinrichtungen in München und den Saalecker Werkstätten in Saaleck sowie zahlreichen anderen gehörten die Werkstätten Bernard Stadler in Paderborn zur Reformbewegung des Kunstgewerbes als Gegenbewegung zu der seit Mitte des 19. Jahrhunderts aufgekommenen industriellen Massenproduktion unter der damals verbreiteten Verwendung von Stilmerkmalen des Historismus („Nachahmen“). Angestrebt wurden eine Klarheit und funktionsgerechte Gestaltung von Möbeln, Gegenständen des Alltags und Räumen bei einer den spezifischen Bedingungen der maschinellen Produktion angepassten Gestaltungsweise („neue Gesinnung“; oder wie Otto Stadler sagte: „Muthesius faßte alle Forderungen, die man an die neuzeitliche Werkkunst stellen muß, als da sind: gediegene Arbeit, Sachlichkeit, Ehrlichkeit und Selbständigkeit gegenüber geschichtlichen Stilen, zusammen in das eine Wort: Die neue Gesinnung.“). Wegbereiter war hier auch die britische Arts-and-Crafts-Bewegung.
Ab Anfang 1905, vor dem Tod des Unternehmensgründers Bernard Stadler (1906), setzte Sohn Otto Stadler seine Vision der Neuen Gesinnung in die Tat um („grundsätzliche Umstellung auf den neuzeitlichen Geschmack“). Er formulierte es in seinen eigenen Worten wie folgt: „Während im Beginn der neuen Bewegung sich die Künstler ihre Werkstätten gründeten (Vereinigte Werkstätten), dann der Handwerker sich den Künstlern zur Ausführung ihrer Entwürfe anbot (Deutsche Werkstätten), zog in unserem Falle der Kaufmann den Künstler heran, und der Künstler hatte das Tischlerhandwerk erlernt und der Kaufmann hatte sich eingehend mit den Fragen der Kunst und mit der sozialen Frage beschäftigt, ehe er das väterliche Geschäft übernahm.“
Im Sommer 1905 (Zuzug nach Paderborn am 01.07.1905) stellte Otto Stadler den Tischler und Architekten Max Heidrich, Jahrgang 1876, ein, der zunächst als Möbelzeichner tätig war [56][57], und ab 1910 bis zum 1. März 1922 als entwerfender Künstler exklusiv für die Werkstätten Bernard Stadler Möbel entwarf.[43][58][59]. Parallel betätigte er sich seit 1913, mit dem Erfolg des Hauses Polich-Stadler auf der Internationalen Baufach-Ausstellung Leipzig 1913, als freischaffender Architekt (siehe auch in der Rubrik „Ausstellungen" dieser Internetseite, Internationale Baufach-Ausstellung Leipzig 1913). Die Werkstätten Bernard Stadler unterstützten dies 1914 auch durch ein Vorwort in seinem Prospekt „Wohnhäuser von Max Heidrich Paderborn", worin das seinerzeit aktuelle Sommerhaus Bernard Stadler (Köln 1914), das Haus Polich-Stadler (Leipzig 1913) sowie sein Privathaus (Paderborn 1913) dargestellt sind.
Im Oktober 1905 wandte er sich zum ersten Mal über seine Vaterstadt hinaus an die dem neuen Geschmack zustrebenden Kreise Deutschlands. Dies geschah in Form des ersten landesweiten Inserats in einer Fachzeitschrift.
Am 23. Januar 1906 gerieten nach Geschäftsschluß bedeutende Holzvorräte im Trockenraum in Brand. Das Feuer konnte vollständig bewältigt werden, so daß die Feuerwehr nicht alarmiert zu werden brauchte.
Die Dritte Deutsche Kunstgewerbeausstellung Dresden 1906 stellte einen bedeutenden Durchbruch dar. Da man als Fabrikant und Händler nur im Rahmen einer Kooperation mit Künstlern ausstellen konnte, führte die Ausstellung nach Beendigung jedoch zu einem Streit und 1907 schließlich zur Gründung des Deutschen Werkbundes. Daher waren die Werkstätten Bernard Stadler nicht als Aussteller vor Ort, sondern lediglich mit einem ganzseitigen Inserat im Ausstellungskatalog vertreten.[43][60]
Im September 1906 stellte man im „Kunstgewerbehaus Hamburg“ von Georg Hulbe, St. Georg, Lindenstraße 43/47, einige Zimmereinrichtungen aus, bei deren einer das Björkholz (Birkenholz) Verwendung fand.
Mit dem Tod Bernard Stadlers am 7. Oktober 1906 [61][62] ging der Unternehmensbereich der Stadler’schen Großdestillation [63] an die Tochter Margaretha Stadler, verheiratet mit Carl Heising (Heising’sches Haus).[64][65][66][67] Die Möbelwerkstätten führte fortan Sohn Otto Stadler als Inhaber.[68] Seine Schwester Theresia Stadler agierte seit 1915 als Prokuristin.[69]
Es folgten vielseitige Aktivitäten zur Weiterentwicklung der Werkstätten, so auch eine Ausstellung in der Kunstgewerbehalle in der Orangerie der Flora Köln 1907 [70]. Hier beteiligte man sich in Form einer aus vier Zimmern bestehenden Wohnung zum Preis von 3.000 Mark [71] sowie ein von Dr. Paul Klopfer in Holzminden entworfenes großes Damen-Arbeitszimmer.[72] Dies wurde in der Fachpresse kommentiert: „Dabei sind alle diese Möbel aber in Aufbau und Ausführung so gediegen und untadelig gearbeitet, dass sie sich stolz neben allem zeigen können, was an neuzeitlichen Einrichtungen dieser Preislage bisher geschaffen wurde“.[73]
„Rühmend aber wäre endlich der kleinen Folge von Zimmern zu gedenken, die die Firma B. Stadler (Paderborn) ausgestellt hat. […] Es trägt nicht wenig zu dem günstigen Gesamteindruck bei, dass diese Möbel so trefflich und exakt gearbeitet sind; die technische Sauberkeit der Ausführung folgte den Intentionen der Künstler mit einer Sicherheit, die nur durch lange Übung erreichbar ist.“[74]
In der Zusammenarbeit von Kaufmann, Künstler und Handwerker sah Otto Stadler die Zukunft. Schon 1905 fand sich die Aussage der „Zusammenarbeit von Künstler, Handwerker und Kaufmann“ in der Unternehmenswerbung. Dies entsprach den Bestrebungen des Deutschen Werkbunds, den das Unternehmen Werkstätten Bernard Stadler am 5. Oktober 1907 mitbegründete [5] und im Vorstand desselben vertrat.[75][76][77][78][79] Die Satzung desselben definiert die Zielsetzung im Gründungsjahr wie folgt: „Der Zweck des Bundes ist die Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk durch Erziehung, Propaganda und geschlossene Stellungnahme zu einschlägigen Fragen.“
Schon vor der Teilnahme an der Weltausstellung in Brüssel 1910 wurde das Unternehmen auch international beachtet, so dass es 1908 im The Studio – Year-Book of Decorative Art 1908 besprochen wurde.[80] Die Werkstätten Bernard Stadler wurden regelmäßig in namhaften Fachzeitschriften vorgestellt [81], und Max Heidrich [82] galt neben Peter Behrens, Henry van de Velde und anderen als einer der prägenden Entwerfer seiner Zeit.
Von Anfang März bis zum 30. März 1909 stellte man im Landesmuseum in Münster zwei „Studentenbuden“ aus, die als „gediegene Handwerksarbeit und künstlerische Phantasie“ bewertet wurden.[83]
Im Frühjahr 1909 organisierte der Deutsche Werkbund kurzfristig die Teilnahme an der interkonfessionellen Ausstellung für Christliche Kunst in Düsseldorf mit insgesamt sieben Räumen (Säle 20 und 20 a bis 20 f). Die Möbel für Raum 20 f, ein Lesezimmer, stellten die Werkstätten Bernard Stadler.[84][85]
Von 1909 bis 1910 fertigte das Unternehmen Teile der Innenausstattung des Erholungsheim für Eisenbahnbeamte in Bad Karlshafen.[86]
Zum 22. Dezember 1909 waren 67 Menschen beschäftigt: 1 Polstermeister, 4 Tischlermeister, 2 Zeichner, 45 Gesellen, 14 Tischler-Lehrlinge, 1 Knecht. Die Betriebskraft setzte sich zusammen aus einer Dampfmaschine von 16 Pferdestärken mit Trockenvorrichtung sowie einem Sauggasmotor mit 20 Pferdestärken.
Der Vertrieb der hergestellten Möbel erfolgte ausschließlich direkt.[87] Im Januar 1910 folgte die Eröffnung der ersten Verkaufsfiliale außerhalb Paderborns, am Standort Berlin, Traunsteiner Straße 6.[88]
1910 stellten die Werkstätten Bernard Stadler auf der Weltausstellung in Brüssel aus. Drei von etwa 30 einzurichtenden Zimmern überließ das Deutsche Reich den Werkstätten Bernard Stadler. Im Erdgeschoss des Hauptgebäudes (Deutsches Haus) wurde das Arbeitszimmer des Reichskommissars und im Gebäude Raumkunst und Kunstgewerbe das Sprechzimmer sowie das Wartezimmer eines Arztes ausgestellt.[89][90][91][92]
Hierfür wurde das Unternehmen mit zwei Großen Preisen in der Gruppe 12, Dekoration und Ausstattung von öffentlichen Gebäuden und von Wohnräumen, ausgezeichnet:[93][94][95]
• Klasse 66: Feste Dekoration von öffentlichen Gebäuden und von Wohnräumen: Großer Preis („Diplome de Grand Prix“).
• Klasse 69: Wohlfeile und Luxusmöbel: Großer Preis („Diplome de Grand Prix“).
Hierzu bemerkte die Presse: „Es ist nicht üblich, dass auf Weltausstellungen einer Firma, die zum ersten Mal ausstellt, gleich der allerhöchste Preis verliehen wird.“ Man habe sich „eine führende Stellung im deutschen Kunstgewerbe gesichert“.[96]
Der entwerfende Künstler Max Heidrich wurde in der Klasse 66 mit dem Ehrendiplom („Diplome d’honneur“) ausgezeichnet.
In den Räumen wurden auch Skulpturen anderer Bildhauer gezeigt, so auch die Marmorskulptur „Schmerz“ (1909) von Moissey Kogan und eine Bronzefigur von Bernhard Hoetger, die auf besonderen Wunsch von Otto Stadler an August Kuth, Assistent des Museum Folkwang, als Leihgaben des Museum Folkwang in Hagen zur Verfügung gestellt wurden (Schreiben vom 18. Januar 1910, KEOA: F1/756/9). Fotos hierzu sind in der Rubrik „Ausstellungen" dieser Internetseite, Weltausstellung Brüssel 1910, zu sehen.
Zum 28. Oktober 1910 wurde die Firmierung von „Bernard Stadler in Paderborn“ geändert auf „Werkstätten Bernard Stadler“.[97]
Ende 1910 erwarben die Werkstätten Bernard Stadler das Eigentum in der Bachstraße 3. So umfasste der Komplex nun die Anschriften Marienplatz 12 und 14 sowie Bachstraße 3.
Zu Weihnachten 1910 wurde die Verkaufsfiliale in Düsseldorf, Bleichstraße 6, eröffnet.[98][99] Im März 1911 wurde eine weitere Verkaufsfiliale in Bremen, Obernstraße 14, eingerichtet.[100] 1912 folgten zwei weitere Anlaufpunkte im Vertriebsnetz der Fa. Bernard Stadler, und zwar im Mai 1912 in Hamburg, Mönckebergstraße 11, im Rappolthaus [101] (ab Mai 1913 dann für Jahre in der Bergstraße 12 - 14), und im September 1912 in Leipzig, im Hause der Fa. August Polich, Schloßgasse 1–5 / Markgrafenstraße 2.[43] Somit wurden innerhalb von weniger als 3 Jahren fünf Verkaufsfilialen eröffnet, die den Produktions- und Verkaufsstandort Paderborn massiv stärkten und über jeweils 12 vollständig eingerichtete Räume verfügten. Im August 1912 wurden laut Otto Stadler allein am Standort Paderborn dann schon 250 Menschen beschäftigt.
Im Mai 1913 stellte man mit dem Haus Polich-Stadler, im Stil eines vornehmen Einfamilienhauses errichtet, auf der Internationalen Baufach-Ausstellung 1913 in Leipzig aus.[102][103] Der Preis des Hauses ist mit 40.000 Mark, der der Innenausstattung mit etwa 60.000 Mark angegeben.[104] Eine Pressestimme befand: „Hier ist m. E. das Höchste geschaffen, was die abgeklärte Innenraumkunst unserer Zeit zu leisten vermag, echte Werkbundkunst, die auch die letzten Gegner des modernen Stiles entwaffnen muß.“ Hierfür wurden die Werkstätten Bernard Stadler mit der höchsten Auszeichnung, der goldenen Medaille der IBA Leipzig 1913, ausgezeichnet. Auch dem entwerfenden Künstler Max Heidrich wurde hierfür die goldene Medaille zuerkannt.[105]
An der viel beachteten Gewerbe-, Industrie- und Kunstausstellung in Paderborn (21. Juni 1913 bis 5. September 1913) nahm man, wohl infolge eines Konfliktes mit der Ausstellungsleitung, nicht teil, was mancherorts bedauert wurde.[106][107][108]
Im Juli 1913 wurde der Bau eines Kesselhauses beantragt und umgesetzt. Seitdem prägte der Schornstein desselben die Silhouette am Weberberg in Paderborn.
Otto Stadler befasste sich über Jahre intensiv mit der Frage, ob sein Unternehmen nun als Fabrik oder Werkstätten einzuordnen wäre. Über das künftige Verhältnis von Handwerk und Industrie holte sich Otto Stadler Rat bei Hermann Muthesius, ebenfalls im Vorstand des Deutschen Werkbunds, der ihm am 4. April 1910 schrieb: „Sehr geehrter Herr Stadler! Die Anpassung der Begriffe Fabrik und Handwerk ist logischer Weise garnicht [sic!] durchzuführen, und jede Entscheidung wird Ungerechtigkeiten mit sich führen.“[109] Damit in engem Zusammenhang stand auch die Frage bzgl. der Mitgliedschaft in der Tischler-Zwangsinnung, die Otto Stadler ablehnte. So wurde seine Beschwerde gegen die Mitgliedschaft in der Tischler-Zwangsinnung durch den Magistrat der Stadt Paderborn am 18. Juni 1914 während der Sitzung der Handelskammer zu Arnsberg dieser zur Begutachtung vorgelegt. Die Beschwerde wurde als berechtigt anerkannt und das Unternehmen Werkstätten Bernard Stadler als fabrikmäßig bezeichnet.[110][111][112]
Hier entsteht eine Biographie zu Johannes Meinolph Rhode.
